Andrea YpsilantiDie Ypsilanti-Strategie war wohl der größte Griff ins Klo, den die deutsche Politik seit einiger Zeit erleben durfte. Dabei hatte alles so gut begonnen für die SPD. Zumindest schien es so… Endlich war Ruhe eingekehrt im schon seit langem gespaltenen hessischen Landesverband, weil es auf einmal so aussah, als wenn die Ypsilanti doch irgendwie die Landtagswahl im Frühjahr gewinnen könne. Mit dem Ausblick auf Erfolg ordnete sich auch die hessische SPD-Rechte der Strategie ihrer Spitzenfrau unter. Dann kam es aber anders.

Fakt 1: Auch wenn am Wahlabend eine Stimmengleichheit von CDU und SPD vorlag, feierte die SPD (und Ypsilanti samt Ehemann und Zuflüsterer) sich als den großen Sieger. Eigentlich gab es aber nur Verlierer (in Prozenten) – außer den Linken natürlich. Fakt 2: Dass Ypsilanti ihren Stimmenzuwachs u.a. Dank der (ex-Grünen Agentur) Hirschen und durchs Wildern im Grünen Wählerreservoir erreichte, schien man auf Grüner Seite schnell vergessen zu haben. Auch der Einzug der Linken in den Landtag war irgendwie schon als gegeben hingenommen worden. Fakt 3: Dass die nun neue Vorzeigelinke der SPD aber keinen Fußbreit im Wählerreservoir der Mitte gewinnen konnte, hätte einigen Leuten bei objektiver Betrachtung des Ergebnisses gerne auch früher auffallen sollen. Sollte man nicht zumindest den Versuch wagen, die Wähler der Mitte zu überzeugen, wenn man an die Macht will?

Nun ging es also darum, irgend etwas aus der etwas unübersichtlichen Ausgangslage zu machen. So hielt es Ypsilanti auch nicht lange mit ihrem Kernwahlversprechen – ein Bündnis mit den Linken sei ausgeschlossen (Fakt 4). Allein solch ein massiver Vertrauensbruch gegenüber den Wählern gehörte doch schon bestraft – und fand in den folgenden Umfragen auch seinen Niederschlag. Nun bugsierte sich Ypsilanti also immer stärker in eine loose-loose Situation. Nachdem das Wahlversprechen nun einmal gebrochen war, konnte sie sich auf Neuwahlen schon gar nicht mehr einlassen und musste auf Biegen und Brechen eine Linkskoalition/Tolerierung vorbereiten. Dass sie sich zur Absicherung der eigenen Strategie nicht einmal der eigenen Leute versichert hatte (Fakt 5), zeugte einmal mehr von der Orientierungslosigkeit Ypsilantis. Dazu kommt, dass die Linke bisher aus jedem Schwächeln der SPD Stärke bezog. – Selbst mit der Ypsilanti-Koalition hätte ich als SPD-Hasser Lafontaine, die rot-grün Landesregierung im Zeitraum der Bundespräsidentenwahl 2009 mit harten Sozialthemen erpresst und dann zur Strecke gebracht. Weitere Wählerwanderungen hin zur Linkspartei wären die Folge und die SPD stünde noch dümmer da. Insofern kann die Bundes-SPD ja fast noch froh sein, dass das Ypsilanti-Experiment nun gescheitert ist.

Die einzigen, die sich bei der ganzen Sache wundersam gehalten haben, sind die Grünen. Sie haben sich einfach mal clever zurückgehalten und die Ypsilanti machen lassen. Dass sie die letzten Wochen den Sozen beim Aushandeln eines Koalitionsvertrags vertraut haben, kann man ihnen wohl nicht anlasten. Dass die Gegenseite den eigenen Laden im Griff hat, muss man in solchen Situationen schon annehmen dürfen. Aus Fairnessgründen sollte die SPD sich aber überlegen, ob sie die Grünen für die verlorenen Mühen nicht entschädigen sollte. Wenn ich Al-Wazir wäre, würde ich Frau Ypsilanti (und ihrem Stellvertreter… wie hieß der nochmal?) nun erstmal eine Rechnung für den gestrigen Parteitag und die verlorene Zeit der letzten Wochen schicken. Niemand hat sich mehr ins politische Abseits bewegt als Frau Ypsilanti. In wohl nicht allzu ferner Zeit dürfen sich die Hessen-Genossen also zum wiederholten Male nach einem passenden Neuanfang umschauen. Bis der gefunden ist, wird Koch der Pensionierung in Hessen Jahre näher kommen dürfen. Damit wird er immerhin nicht deutscher EU-Kommissar. Damit hat die ganze Sache ja doch noch etwas Gutes.

[Foto von spd-hessen.de]


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