Spiegel pessimistisch über deutsche Bloggerszene

Spiegel Online sieht die deutsche Bloggerszene mit wenig politischem Einfluss. Gerade im Vergleich zu den USA haben Blogs in Deutschland bisher noch keine Meinungsführerschaft übernommen und spielen kaum eine Rolle in der Meinungsbildung. Außer Bildblog seien kaum Blogs bekannt. Die Autoren Markus Brauck, Frank Hornig und Isabell Hülsen sehen auch keine wesentlichen Enthüllungsqualitäten deutscher Blogs:

Schätzungsweise 500.000 deutschsprachige Blogs gibt es. Die meisten sind sanft entschlafene Karteileichen. Rund 200.000 sind aktiv. Das klingt nach viel. Doch global gesehen sind die Deutschen Blog-Muffel.

Nur etwa jeder fünfte Deutsche liest sie überhaupt jemals. In den USA und Japan ist es jeder Dritte. In Südkorea und den Niederlanden tun es 40 Prozent der Bevölkerung. Doch ganz genaue Zahlen gibt es aus den wenigsten Ländern.

Politische Blogs sind in Deutschland so gut wie nicht vorhanden. Als sich der US-Journalist Sean Sinico während des Bundestagswahlkampfes 2005 in der deutschen Blogosphäre umtat, war sein Urteil vernichtend. Was er sah, waren für ihn “baby steps”. An dem Befund hat sich nicht viel geändert – glaubt man in der Szene selbst.

Gerade im Vergleich zu Frankreich, den USA oder Großbritannien würde ich der Einschätzung der Autoren Recht geben. Blogs spielen (noch) keine zentrale Rolle in der Meinungsbildung Deutschlands. Meiner Meinung nach liegt das v.a. daran, dass wir eine vielzahl von ausgezeichneten Tages- und Wochenzeitungen haben (vllt sollte man auch ARD und ZDF dazu zählen), die sowohl eine hochwertige und politisch breite Debatte wie auch oft die notwendigen Enthüllungsgeschichten selber übernehmen. Diese Medienvielfalt bei hoher Qualität sehe ich in allen drei genannten Ländern nicht.

Andererseits gibt es aber gerade auch in Deutschland noch ein Vakuum an breiter und kritischer Berichterstattung über die EU und insbesondere deutsche EU-Politik. Hier können Blogs eine Rolle spielen – und vielleicht nicht ohne Zufall ist z.B. die Liste der Verfassungssherpas nicht in den Zeitungen sondern auf diesem Blog zum ersten mal (europaweit) öffentlich gemacht worden.

Mit den anstehenden Europa- und Bundestagswahlen im Sommer 2009 erwarte ich aber eine Intensivierung der Debatte und technologischen Mittel. Die Grünen werden dazu wohl sicherlich im Herbst noch den Anfang machen.

One thought on “Spiegel pessimistisch über deutsche Bloggerszene

  1. Julien Frisch

    Ich glaube einfach, dass Blogs sich in unserem Raum eher Nischen aussuchen, dort wo die anderen Medien nicht hin vordringen. Europäische Themen, technische Fragen oder die Beobachtung einer großen deutschen Tageszeitung sind eben Angelegenheiten, die von den nationalen und regionalen Medien zu wenig behandelt werden. In diese Lücke gelangen dann Blogs.

    Für mich ist daran nichts Schlechtes.

    Und ob sich das zu den nächsten Wahlen ändert, wage ich zu bezweifeln.

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