NordstreamIn letzter Zeit wird in Deutschland kaum noch über die Ostsee Pipeline (Nordstream AG, Zug) gesprochen. Nur wenn Gerhard Schröder mal wieder die demokratischen Verdienste von Präsident Putin kommentiert, kommt das Projekt im Nebensatz vor. Schade. Denn gerade jetzt wird vielleicht erst deutlich, warum das Projekt aus logisch-ökonomischen (Gazprom hat gar nicht genug Gas für die Pipeline) und politisch-strategischen (Wiederbelebung der deutsch-polnischen Beziehungen) Überlegungen besser vor als nach Baubeginn durch eine andere Strategie ersetzt gehört.

Das logisch-ökonomische Argument

Nordstream VerlaufDass Schröder und Putin bei der Unterzeichnung des Absichtsvertrags im September 2005 (wenige Wochen vor der vorgezogenen Bundestagswahl) eigentlich keine genauen Zahlen über die russischen Versorgungskapazitäten ihrer neuen Ostsee Pipeline vorlagen, schien damals im Wahlkampf niemanden zu stören. Das Projekt wurde ja auch erst nach der Wahl – mit der Benennung Schröders zum Aufsichtsratsvorsitzenden – für die Medien und damit das politische Leben relevant.
Leider erst seit Ende 2006 scheinen sich Wissenschaftlicher, Ökonomen und politische Berater eingehender mit der Frage der Versorgungssicherheit durch russisches Öl zu beschäftigen. Dabei ist es spätestens seit der 2006er Studie “Optimising Russian Natural Gas: Reform and Climate” der International Energy Agency (IEA) kein Geheimnis mehr, dass Russland schon 2010, d.h. in weniger als 3 Jahren vor massiven Gas-Lieferproblemen stehen wird. Die Ursache dafür ist, dass immer mehr Lieferverträge abgeschlossen werden, gleichzeitig das Riesengasfeld Nadym-Pur-Taz ausläuft und notwendige Investitionen in neue Felder auf Grund der Kapitalknappheit von Gazprom aufgeschoben werden. Auch der hohe Verschleiß und Verlust der bestehenden inländischen russischen Pipelines wird trotz steigender Profite von Gazprom nicht angegangen.

Was die Sache mit der Ostseepipeline nun so interessant macht, ist dass man wohl sicher davon ausgehen kann, dass Russland eigentlich gar nicht genug Gas hat, um den damit zu schaffenden Bedarf überhaupt zu bedienen! – Die Energieexperten Milov, Coburn, Danchenko schätzen 2006 das jährliche russische Versorungsdefizit von Gazprom (inkl. der Gasimporte aus Zentralasien) für 2010 schon auf 100-200 Milliarden m³ (das entspricht 50-100% der Menge, die jährlich um 2010 an Europa geliefert werden wird). Die laut Nordstream vertraglich fixierte Abnahme beträgt rund 20 Milliarden m³ – ab dem Jahr 2010, wenn die Pipeline in Betrieb gehen soll. Wo dieses zusätzliche Gas nun als herkommen soll, ist völlig unklar. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass die Inbetriebnahme der Pipeline sich auf Grund der schwerwiegenden ökologischen Herausforderungen (Cadmium auf dem finnischen Meeresboden, versenkte Munition inkl. Chemiewaffen über praktisch der ganzen Ostsee) und der eingeschränkten Kooperationsbereitschaft der kritischen Anlieger (Finnland, Estland, Polen) eh verzögern wird, muss man sich umso mehr fragen, wo die Investitionen herkommen sollen, um innerhalb der nächsten 3-5 Jahre ausreichend russische Gasfelder zu entwickeln?

Das Bonmot am Rande ist, dass diese Problematik der bundesdeutschen Minsterialbürokratie bis vor wenigen Wochen anscheinend völlig unbekannt war. Als sie kürzlich von einem europäischen Energieexperten über die (knappen) russischen Gasversorgungskapazitäten ab 2010 erhellt wurde, kam sie gut ins Staunen (und hoffentlich auch ins Zweifeln).

Das politisch-strategische Argument

Einmal abgesehen davon, dass das Projekt aus ökologischer Perspektive wohl mit dem Bau eines Atomkraftwerks in einem Erdbebengebiet gleichzusetzen ist, eröffnen die positiven Entwicklunge in Polen nun auch eine Chance für eine ganz neue Strategie. Gerade um mit der neuen polnischen Regierung unter Donald Tusk einen neuen, gemeinsamen Weg einzuschlagen, sollte das Projekt nun auf Eis gelegt werden. Ähnlich den Vorschlägen von MdEP B. Geremek bin ich der Meinung, dass der beste Neuanfang für die polnisch-deutschen Beziehungen das Aus des Projekts ist. Damit einher müsste gehen eine neue Energiestrategie innerhalb des Weimarer Dreiecks (Polen-Frankreich-Deutschland). Dass gerade diese drei Länder sich in der Energiefrage gemeinsam innerhalb und mit der EU bewegen ist das Szenario, vor dem man in Russland am meisten Angst hat. U.a. könnten nur diese drei Länder gemeinsam Russland dazu bringen, sich endlich mit der EU bei der Überarbeitung des Energy Charter Treaty (ECT) ernsthaft einzubringen. Damit könnte der Gasklau in Transitländern im Interesse Moskaus stark eingeschränkt werden und gleichzeitig die mehr als 5 Milliarden Euro Baukosten der Nordstream Pipeline gespart werden. – Was für eine Entlastung für die europäischen Haushalte!

Weitere Details und die Untermauerung der Zahlen finden sich in Alan Riley’s CEPS Policy Brief vom Oktober 2006.

Logo und Karte der Pipeline kommen von der Nordstream website.


Comments

2 Comments so far

  1. Ostseelig on November 19, 2007 11:47

    Das ist ein Aspekt, den ich bisher überhaupt noch nie im Zusammenhang mit dem Bau der Pipeline gehört habe. vielen Dank für die Information. Ich wusste auch nix über die knappen Gasreserven. In den bisher gelesenen Artikeln stand darüber auch nichts.

  2. How Germany got the baltic sea pipeline - and with worse consequences as we watch it : Jan’s EUblog on December 2, 2007 16:46

    […] Russisches Gas wird nicht für Ostsee Pipeline reichen […]

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