Freier Zugang für Journalisten zum Europäischen Parlament – oder auch nicht

RTL Explosiv hat im Frühjahr einen Bericht über die “Abzocke” der Europaabgeordneten gesendet (Jon hatte auch schon kommentiert). Die Reporter haben sich vor dem Straßburger Büro mit der Unterschriftenliste für das Tagesgeld (284 Euro) positioniert und MdEPs aufgespürt, die sich an einem Freitagmorgen in die Liste eingetragen haben. – Dazu sollte man wissen, dass Freitags keine Sitzungen in Straßburg stattfinden. Nach einiger Zeit wurden die Reporter vom Sicherheitsdienstes auf geheiß des EP Generalsekretärs Harald Rømer des Hauses verwiesen. – Natürlich fand RTL das nicht witzig.

Mittlerweile haben die Quästoren des EPs über die Situation noch einmal beraten und das Verhalten des Sicherheitsdienstes gutgeheißen (Entscheidung vom 18. Juni 2008):

4. Security on or in the vicinity of the European Parliament’s premises
4.1 Media access to Parliament’s premises

The Quaestors,
– noted the complaints of two Members and the European Federation of Journalists concerning an incident which occurred in Strasbourg on a Friday following a part-session, related to the filming by a TV channel crew of a number of Members who had gone to sign the register and the subsequent eviction of that crew on the orders of the Secretary-General;

– pointed out that the “Rules governing photographers and television crews inside the buildings of the European Parliament in Brussels and Strasbourg” (adopted by the Bureau on 7 September 2005) stipulate:

“Filming and photography are strictly prohibited”
(…)
– in areas and offices reserved for parliamentary services, including those allocated to the Members’ financial affairs unit” (Article 3), “television crews, photographers and those accompanying shall have due regard to the dignity and privacy of all individuals present within the building” (Article 4);

– concluded that the TV channel crew breached the rules in question, which they had undertaken in writing to comply with;

– expressed its full support to the Secretary-General for the handling of this issue;

– decided to inform the above-mentioned Members and the European Federation of Journalists accordingly

Interessant ist übrigens, dass vor der Zahlstelle im Brüsseler Parlament eine Glastür ist, hinter die außer Abgeordneten niemand gehen darf. Auf diese Idee ist die Verwaltung für den Straßburger Sitz aber anscheinend noch nicht gekommen.

Noch interessanter ist aber vielleicht eine Note zur EU-Berichterstattung der privaten Fernsehsender aus Deutschland. – Während solche Stories wie hier von RTL ja immer wieder schön sind, um EU-bashing zu betreiben (in diesem Fall ja auch zu Recht was die Abrechnung von Tagegeldern für Freitage angeht), wird über die tägliche, substanzielle Arbeit der EU kaum noch berichtet. Schon vor Jahren haben die Privatsender ihre Korrespondentenbüros in Brüssel beschlossen und sind seitdem in der europäischen Hauptstadt nicht mehr vertreten. Dass einem dann aber nicht mehr als solche Geschichten für die Berichterstattung einfallen, ist schon traurig. – Was sich einige Ministerien mit ihrem politischen Handeln im Rat erlauben, ist da doch oft viel skandalöser.

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