So traurig es auch ist, aber auch die letzten Plagiatspromotionen von (CDU & FDP-)Politikern werden nicht die letzten gewesen sein. Jede seriöse Aufarbeitung von Promotionen durch Externe erfordert eine gute Portion Zeit, wenn sie ernst gemeint ist. Immerhin steht seit einigen Wochen mit VroniPlag eine brauchbare Plattform zur Verfügung, die diesen Prozess beschleunigt und die Ergebnisse transparent darstellt.

Für ein Land, das sich global als Wissenschaftsstandort definiert und vermarktet, sind die Enthüllungen der letzten Monate aber nicht nur peinlich. Sie sind für seine Zukunftsfähigkeit auch gefährlich, wenn nicht endlich auch auf Seiten der Universitäten und in der überliegenden Wissenschaftspolitik Konsequenzen gezogen werden. Natürlich sind in erster Linie die entsprechenden Plagiateure die Kriminellen und Schuldigen. Betrug wird sich nie komplett verhindern lassen. Aber eine “Wissenschafts-“Kultur, die siolch einen Massenbetrug wie in Deutschland zugelassen hat, macht sich zumindest mitschuldig. Die einfallslosen Kommentare der verantwortlichen Doktorväter von Guttenberg & Co kommen mir mittlerweile fast schon wie Hohn gegenüber ehrlich arbeitenden WissenschaftlerInnen vor. Dass deutsche Professoren (zumindest in den Sozialwissenschaften, in denen ich mich bewege) sich weiterhin für das Maß aller Dinge halten – und wie kaum anderswo in der Welt mit Previlegien versehen sind – ist mit einem Blick von außen umso unverständlicher.

Ein ganzes Wissenschaftssystem scheint bei den deutschen Promotionen zu versagen. Ein Blick über den deutschen Tellerrand hinaus mag verdeutlichen warum – und was das deutsche System von der Mehrheit wissenschaftsführender Staaten unterscheidet.

1. Außer bei unseren deutschsprachigen Nachbarn gibt es kaum Länder in der Welt, wo der Dr.-Titel formeller Teil des Namens wird. Was für ein statusfokussierter Quatsch. Genau das ist doch der Grund dafür, dass in so vielen statusorientierten Berufen wie bei Juristen oder Politikern (oft ja identisch) ein Doktortitel so wichtig erscheint. Natürlich ist die Promition eine besondere geistige Leistung und sollte als solche von der Gesellschaft auch anerkannt werden. Aber doch bitte nicht als Teil des Namens!

2. Wohl in keinem anderen seriösen Wissenschaftsstandort ist das Promotionsstudium so privatisiert und individualisiert wie in Deutschland. in Skandinavien, Singapur (wie auch vielen anderen asiatischen Staaten), den USA, Großbritannien – oder ganz allgemein an führenden internationalen Universitäten – erfolgt die Aufnahme zur Promotion über ein reguläres Bewerbungsverfahren der Universität, in dem fachliche Kompetenz nachgewiesen werden muss. In Deutschland kann man auch mit dem schlechtesten Abschluss promovieren, sofern man sich – ganz privat und individuell – mit einem passenden Professor auf die Betreuung einigen kann. Das hat nicht ganz überraschend mehrere negative Folgen: a) Nicht akademische Reife oder Qualität entscheiden über die Aufnahme zur Promotion sondern Gefügigkeit und Gefallen des Professors/Betreuers/Notengebers. b) Das Promotionsstudium wird in zu vielen Fällen zum Parkplatz für arbeitslose Akademiker. Das hält diese in einigen Fällen nicht nur von der notwendigen Zuwendung zum Arbeitsmarkt ab sondern unterhöhlt auch die Sozialsysteme, wenn diese “Promovenden” sich (billig krankenversichert) eher dem täglichen Broterwerb als ihrer Promotion widmen. c) zu guter Letzt kann sich aber auch schon ein Professor nie ganz sicher sein, wie ernst sein Promovend es mit der Promotion überhaupt meint und hält die Betreuung gerade in den wichtigen Anfangsmonaten auf Sparflamme.

Es wird also Zeit, dass der Zugang zur Promotion auch in Deutschland endlich über seriöse Promotionsprogramme gesteuert wird, wie es sich immerhin schon an vielen Graduiertenkollegs deutscher Universitäten entwickelt. Es gibt in Deutschland viel zu viele Promotionsstudenten, die ihre Promotion anfangen aber nicht beenden. Ihnen (und der Wissenschaft allgemein) ist damit am besten geholfen, wenn eine Auslese vor Beginn der Promotion und nicht drei Jahre danach stattfindet. Es ist an der Zeit die privatisierte Promotion in Deutschland zu beenden.

3. Deutschland lobt sich als Hochtechnologiestandort, deutsche Universitäten sind aber nicht in der Lage Plagiatssoftware wie Turnitin anzuwenden. Natürlich kostet diese Geld, aber wer es ernst meint mit Wissenschaft, der kann eben nicht auf die Allwissenheit deutscher Professoren vertrauen (die ja nun eh meist nicht diejenigen sind, die zumindest bei Bachelor oder Master-Studenten die Hausarbeiten korrigieren). Dass man Plagiaten auf software-basierten Wegen am einfachsten auf die Schliche kommt, ist ja wohl offensichtlich. An meiner Uni müssen alle Hausarbeiten von den Studenten selber hochgeladen werden und laufen danach durch Turnitin. Wem diese amerikanische Lösung zu teuer ist, der hätte schon lange eine auf den deutschen Wissenschaftsbetrieb angepasste Software im Verbund von deutschsprachigen Universitäten oder z.B. der DFG entwickeln lassen können. Aber dazu müssten deutsche Institute, Fakultäten, Universitäten und v.a. Professoren ja kooperieren – und das ist im globalen Vergleich ja nun auch nicht gerade ihre Stärke.

Eigentlich müssten deutsche Universitäten gerade jetzt standarmäßig alle Promotionen durch solch eine Software laufen lassen und systematisch alle Promotionen noch einmal überprüfen. Dass sie es bisher nicht getan haben – und anscheinend nicht einmal jetzt standardisierte Verfahren dafür haben – zeigt wie wenig sie aus den letzten Wochen gelernt haben.

Wem nur ein bißchen an der Qualität und dem Ruf deutscher Wissenschaft liegt, sollte sich einmal in der Welt umschauen. Notwendige Änderungen in Deutschland sind nicht unbedingt teuer aber sie erfordern ein Umdenken und einen neuen, seriösen Umgang mit wissenschaftlicher Qualität. Auch in den nächsten Monaten werden immer wieder und eins nach dem anderen Promotionen v.a. von PolitikerInnen in Frage gestellt werden. Da ist es doch besser, jetzt einmal Tabula Rasa zu machen und dem globalen Wissenschaftsbetrieb zu zeigen, dass es den deutschen ernst ist um ihren Ruf.

[Picture / CC from dullhunk/Flickr]


Comments

1 Comment so far

  1. Jan on July 14, 2011 14:28

    Soeben lese ich, dass auch in Deutschand der Dr.-Titel nicht Teil des Namens wird, dafuer aber im Personalausweis etc. gefuehrt werden kann. Mehr Infos u.a. hier: http://doktorandenforum.de/fertig/titelfuehren.htm
    Sorry, fuer die falsche Darstellung im Haupttext.

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