Deutsche Botschaft LondonDas Studium in London ist bekannterweise nicht das billigste. Zur Abzeichnung eines Teils meiner Studienfinanzierung hatte ich darum die nette Aufgabe, die deutsche Botschaft in London aufsuchen zu müssen. Also ging es Freitagmorgen im Rahmen der streng regulierten Öffnungszeiten in einen der vermögenden Teile Londons. Nach doppelter aber irgendwie-doch-nicht-Sicherheitskontrolle fand ich mich dann in einem großen Warteraum mit ca. 50 wartenden Menschen vor. Wie sich das gehört, bekam (= wurde) ich natürlich zuerst mal eine (zur) Nummer. Ich setzte mich also und schaute mir den Saal an. Immerhin groß und hell war er. Es gab oben eine andere Etage, wo der normale Botschaftsbetrieb ablief. Beim genauen hinsehen wurde mir aber klar, dass in dem offenen Raum zwischen der oberen Etage und meiner Drahtseile eingezogen waren. Und die Beamten an den Schaltern im Warteraum saßen natürlich hinter Panzerglas (sowas findet man in Deutschland ja nicht mal mehr in Banken), um sich vor bösen Visa-Antragstellern sicher zu sein. Kurzum ich kam mir schnell sehr klein vor gegenüber der mächtigen deutschen Bürokratie. Aber Widerspruch ist an solchen Orten natürlich auch nicht gerne gesehen, darum wundert man sich, warum erst auf den internationalen Terrorismus als Einschüchterungsrechtfertigung zurückgreifen musste.

Nach einigen Minuten kam ich mir in diesem sauberen, abgesicherten Raum aber nicht mehr nur klein vor sondern irgendwie auch mehr als Tier. Auf Pawlowschen Reflex hin holt man sich zwar nicht das Essen oder die Streicheleinheit, aber doch sein Visum (kommt bloß nicht zu zahlreich, das Boot ist voll), Pass (unDeutsche, die es wagen im Ausland Kinder zu bekommen oder in binationalen Ehen zu leben) oder Unterschriftsbestätigung (naja…halt ich, mittlerweile armer Student). Zu allem Vergnügen – und das unterschied dann wohl aber doch Mensch und Tier – durfte ich dann für die Unterschriftsbestätigung auch noch 12 Pfund zahlen. Tiere zahlen ja nicht selber, für sie wird bezahlt. Immerhin konnte ich dabei doch gleich noch einen Blick auf die aktuelle Visa Gebührentabelle werfen. Als privilegierter Europäer (= besserer Mensch) hat man damit ja normalerweise nichts zu tun. Also, jedenfalls bekommen gute Tiere (aus ausgewählten europäischen Nachbarländern) das Schengenvisum nämlich schon für 35 Euro, während der Rest der Welt 60 Euro abdrücken darf (“Markblatt” hier), um sich an unserer Zivilisation zu ergötzen. Damit ist der Antragsaufwand natürlich lange noch nicht abgegolten und jeden, der zahlen könnte, lassen wir ja schon gar nicht rein.

Nachdem mir also endlich mal wieder vor Augen gehalten wurde, wie groß der Staat und wie klein ich als sein Bürger bin, stellt sich mir dann doch noch eine Frage: Werde ich es noch erleben, dass Menschen wie Menschen und irgendwie auch gleich behandelt werden? Selbst wenn sie das Pech hatten am falschen Ende der Welt geboren zu werden?

Aber um jetzt nicht alles schlecht zu reden, darf ich vielleicht doch sagen, dass mein Sachbearbeiter (so nennt man solche Leute wohl im Beamtendeutsch) freundlich und fix war.


Comments

3 Comments so far

  1. Der Brüsseler on October 27, 2008 6:52

    Ist in Botschaften anderer Länder genauso, man wird “abgezockt” wenn man ein Visa beanträgt (finanzieren damit wohl die Empfänge und Parties)…

    Die Konsularbeamte sind in der Hackordnung an der Botschaft weit unter den Diplomaten, müssen sich mit dem “Pöbel” abgeben während sich die Diplomaten auf besagten Empfängen und Parties langweilen und über die große Politik schwadronieren. Das Leben an der Botschaft ist ein eigener Mikrokosmos, das gemeine Volk erblickt in dem eingezäunten Konsularbereich jedoch nichts von dieser Welt hinter den Panzergläsern und gesicherten Toren.

  2. Der Brüsseler on October 27, 2008 6:53

    PS: Sei froh dass der Konsularbeamte freundlich war, meist sind diese schlecht gelaunt und behandeln dich wie einen Bittsteller der froh sein darf, dass er überhaupt bedient wird.

  3. Julien on October 31, 2008 11:13

    Nachdem ich selbst mal hinter der Scheibe gearbeitet habe (nicht direkt, aber im täglichen Kontakt mit den Leuten, die dort sitzen), weiß ich genau, dass deren Leben mitnichten ein Zuckerschlecken ist.

    Nach der Erfahrung habe ich aufgehört, mich über diejenigen zu ärgern, die mir in der Bürokratie direkt gegenüber sitzen, und ärgere mich lieber über die Ebene(n) dahinter.

    Die schlechte Laune der konsularischen Mitarbeiter war zumeist bedingt durch die Tatsache, zwischen (zu Recht oder Unrecht) genervten “Kunden” (Bezeichnung der Bittsteller von der Innenseite aus gesehen), den eigenen Vorgesetzten und z.T. auch noch von Institutionen in der Heimat aufgerieben zu werden. Die waren schon froh, wenn man ihnen – so man selbst eine ruhigere Phase hatte – hin und wieder das (notwendige) Stempeln abnehmen konnte, damit sie sich inhaltlichen Fragen zuwenden durften.

    Also möglichst nicht die schlechte Laune auf die Damen und Herren im “Kunden”kontakt abladen, die können (oft) echt nichts dafür!

    Ansonsten fühlt man sich als Botschaftsmitarbeiter auch nicht gerade wohl, wenn man im Warteraum die Menschen hocken sieht oder hört, wie ihnen mal wieder ein Foto zurückgegeben wird, weil es nicht den offiziellen Biometriemaßen entspricht. Aber mit solchen Gefühlen kann eine Bürokratie nicht umgehen.

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